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Der Stern, Nr. 32/2001

Ein Schicksal wie ein Roman von Charles Dickens: Als Kind einer verbotenen Liebe wurde Alexander Latotzky 1948 im Gefängnis geboren und kam mit seiner Mutter ins Lager Sachsenhausen. Als Zweijähriger wurde er ihr weggenommen und in einem geheimen DDR-Kinderheim versteckt. Erst mit neun durfte er zu ihr zurück. Nach mehr als 40 Jahren fand er nun auch seinen russischen Vater

Von FRAUKE HUNFELD und ANDREE KAISER (Fotos)

Die Erinnerung an seine Kindheit besteht aus ein paar wenigen Bildern. Eine dunkle Treppe, Zäune, Mauern. Ein Kinderheim in Naunhof, wo er, weil er eingenässt hatte, eine endlose Zeit mit der Decke über dem Kopf im feuch­ten Bett stehen musste. Kälte, Schläge. Das Lied von der kleinen weißen Taube und dem guten Volkspolizisten. Mutter oder Vater kommen in diesen frühen Erinnerungen nicht vor.

Den 3. Oktober 1990 wird er hingegen nie vergessen. Diesen Tag, an dem alles anfing, was doch schon so lange vorbei schien. Vergangenheit, alte Geschichten, vergraben unter einem ganzen Leben.

Es war ein warmer, sonniger Oktobertag, als Alexander Latotzky, 42 Jahre alt, wieder vor dem Tor stand mit den eisernen Buchstaben "Arbeit macht frei". Seine Kinder waren nur mäßig begeistert von seinem Vorschlag, das Lager Sachsenhausen zu besuchen, jetzt, wo die Mauer weg war und die Angst auch. "Warum denn?", murrten sie, und sie verstanden nicht, was er meinte, als er sagte: "Hier war ich als Kind!"

Auch er selbst hatte lange nicht mehr daran gedacht. Wenn seine Freunde über ihre Jugend erzählten, hörte er weg. Seine Kindheit - das war in einer anderen Weit. Warum denn ohne Not in Wunden bohren? Jetzt war sie wieder da, die Vergangenheit. Und sie war nicht vorbei. Aber das wusste er da noch nicht.

Alexanders Geschichte beginnt noch vor seiner Geburt, im Jahr 1946. Im Gefängnis Torgau, nordöstlich von Leipzig, haben die Sowjets die Macht übernommen. Jetzt sitzen hier so genannte SMT-Häftlinge ein, Menschen, die von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt wurden. Die Verfahren dauern oft nur wenige Minuten - angeklagt sind Nazis und solche, die man dafür hält, aber auch viele junge Leute, denen man "Werwolf­Verdacht", antisowjetische Einstellungen oder Spionage für fremde Mächte vorwirft.

EINE VON IHNEN IST URSULA HOFFMANN. Ein hübsches junges Mädchen, gerade 20 Jahre alt. Bis vor kurzem lebte sie mit ihrer Mutter Elfriede in Berlin-Schöneberg im Westen der Stadt. Als sie eines Abends nach Hause kam, fand sie ihre Mutter vergewaltigt und erdrosselt - ihre Mörder, zwei russische Soldaten, lagen noch neben ihr, betrunken und schlafend.

Ursula zeigte den Mord an. Die sowjetischen Behörden forderten die Akten an. Statt der Mörder jedoch wurde Ursula Hoffmann bei einer Fahrt in den Ostteil der Stadt festgenommen und vor ein Militärtribunal gestellt. Vorwurf: Spionage. Beweise: keine. Urteil:15 Jahre Haft. In Torgau wird sie eingesperrt.

Bewacht wird Torgau von Soldaten der Roten Armee. Junge Burschen, 20, 21 Jahre alt. Viele von ihnen haben schon den Krieg hinter sich. Einer der Wachsoldaten, ein ruhiger, schüchterner Junge, ist Wladimir Jakowlewitsch Brjutschkowski.

Wladimir sieht das blonde Mädchen das erste Mal beim Hofgang. Von da an kann er die Augen nicht mehr von ihr lassen. Er lächelt ihr vorsichtig zu. Sie lächelt verstohlen zurück. Er steckt ihr Tabak zu, Essen, kleine Briefchen. Aufregend. Spannend. Beziehungen zwischen Bewachern und Häftlingen sind strengstens verboten. Das wissen sie beide. Aber sie sind jung. Sie wollen leben. Jetzt und nicht später.

Wladimir verlässt heimlich seinen Posten. Er holt Ursula aus der Zelle, damit sie sich sehen. Erst einmal, dann immer wieder. Ursula verstößt absichtlich gegen Regeln, damit sie zur Strafe in die Einzelzelle kommt. Dort ist sie nachts mit Wladimir ungestört. Ursula spricht Russisch, die beiden verstehen sich. Aber sie haben nie viel Zeit miteinander. Wladimir weiß nicht, weshalb Ursula in Haft ist. Ursula weiß nichts von Wladimirs Geschichte.

Wladimir stammt aus der Ukraine. Er wurde 1925 als jüngstes von fünf Kindern einer armen Bauernfamilie geboren und 1933 eingeschult. Doch kurz darauf, als die große Hungersnot begann, schickte der Vater ihn mit acht Jahren zum Arbeiten in eine Kolchose. Er hütete die Kühe für ein paar Rubel pro Saison, und abends versuchte er, lesen und schreiben zu lernen. Mit 18 verschleppten ihn die Deutschen als Zwangsarbeiter nach Brandenburg. Zuerst kam er in eine Panzerfabrik, dann zu einem Bauern. Er riss aus, wurde wieder eingefangen. Der Bauer peitschte ihn aus, ein deutscher Vorarbeiter brachte ihm heimlich Suppe. Er nannte ihn Waldemar.

ERST BEIM VORMARSCH der Roten Armee wird Wladimir befreit. Das Kriegsende erlebt er im Lazarett. Er ist dankbar. Er musste nicht schießen, er musste niemanden töten, er darf leben.

Die Russen rekrutieren die ehemaligen Zwangsarbeiter für die Wachbataillone. Wladimir wird fürs Lager Buchenwald eingeteilt. Hier sperren die Sowjets Nazis und Kriegsverbrecher ein. Wladimir ist jetzt Wächter, seine alten Bewacher sind Häftlinge. Was für eine absurde Welt, denkt er. Manchmal schmuggelt er für Häftlinge Briefe aus dem Lager. Vielleicht hätten sie es für mich auch getan, denkt er. Einmal, als er mit deutschen Häftlingen Sand aus Weimar holen soll, lässt er einen von ihnen laufen. Der Mann will sich nur von seinen Kindern verabschieden und verspricht wieder zu kommen. Wladimir macht sich vor Angst in die Hose. Doch der Mann hält Wort.

Aber Wladimirs kleine Regelerweiterungen passen den Kommandeuren nicht. Auch seine Freundschaften zu jungen Deutschen aus den umliegenden Dörfern, seine Abende in deutschen Gaststätten, das Mitschunkeln zu den Liedern der Besiegten passen den Machthabern nicht. Wladimir wird strafversetzt, ins Wachbataillon nach Torgau.

DER JUNGE RUSSE hat keinen Grund, ausgerechnet eine Deutsche zu lieben. Ursula hat keinen Grund, einem Russen zu vertrauen. Aber sie riskieren alles für ihre Beziehung. Was geht sie der ganze Wahnsinn da draußen an?

Eine Weile glückt die unmögliche Liebe. Dann wird Ursula schwanger. Und irgendjemand muss die beiden verpfiffen haben. Wladimir wird abgeführt, Ursula zur Entbindung nach Bautzen gebracht. Wladimir sei zum Tode verurteilt, lässt man sie wissen. Am 17. April 1948 verlässt er Torgau mit 900 anderen Gefangenen und wird in das Lager Suchobeswodnoie bei Gorki deportiert. Einen Tag später wird sein Sohn Alexander geboren. Ursula und Wladimir sehen sich nie wieder.

Nach seiner Geburt wird Alexander mit seiner Mutter nach Sachsenhausen verlegt. Auch dieses KZ nutzen die Sowjets jetzt für ihre Zwecke. Die Bedingungen sind furchtbar. 12.000 Menschen sterben innerhalb von fünf Jahren. Alexander ist nicht das einzige Kind im ehemaligen KZ. Auch andere junge Frauen mit Kleinkindern und Säuglingen werden hier interniert. Die Kinder von Sachsenhausen sind nicht vorgesehen. Es gibt keine Kleider für sie, keine Betten, keine Windeln, keine Nahrung. Sie schlafen in Kohlenkisten, sie werden in Sträflingskleidung aus der Nazizeit gewickelt. Sie alle sind in zugigen Baracken untergebracht, 30 Mütter, 30 Kinder pro Baracke. Wanzen und Flöhe zerbeißen ihre Haut. Dass die meisten von ihnen überleben, ist ein Wunder.

Alexander, den alle Sascha nennen, entwickelt sich gut. Die ersten zwei Lebensjahre sieht er nur das ehemalige KZ. Aber die Lagerleitung wird nervös. Was soll sie machen mit diesen Kindern, die es offiziell nicht gibt, denen man nicht einmal eine Geburtsurkunde ausgestellt hat? Sie werden ja alle größer, werden Fragen stellen. Sie können nicht ewig hier bleiben. Etwas muss geschehen.
[Hier ist der Autorin ein Fehler unterlaufen. Diese Gedanken machten sich erst die DDR-Behörden. Im Frühjahr 1950 wurde Sachsenhausen aufgelöst. Ein Teil der Häftlinge wurde entlassen, der andere Teil an die DDR übergeben und in Gefängnisse gebracht. Aus Sachsenhausen waren das u. a. 1.119 Frauen und ca. 30 der dort noch lebenden 42 Kinder. Sie kamen in die Frauenstrafanstalt Hoheneck in Stollberg/Erzgeb. und es waren die DDR-Behörden, die Mütter und Kinder trennte!]

Im März 1950 erhält die Oberin eines Leipziger Krankenhauses an der Waldstraße die Mitteilung, sie solle sofort auf das Polizeipräsidium kommen, um eine geheime Mitteilung entgegen zu nehmen. Polizeipräsident Winkelmann erklärt ihr, dass sie umgehend eine Kinderstation in ihrem Krankenhaus einzurichten habe, da noch am selben Abend 20 bis 30 Kleinkinder eintreffen würden. Sie habe keinerlei Hilfe zu erwarten und dürfe mit niemandem darüber reden. Woher die Kinder kommen, verrät er nicht.

Am späten Abend bringen ein Polizeiarzt und zwei Polizistinnen die Kinder. Das jüngste ist neun Monate, das älteste drei Jahre alt. Keines von ihnen hat Schuhe. Der begleitende Offizier sagt der Oberin: "Die Kinder haben keine Namen, sie sind unter der Bezeichnung Kinder der Landesregierung" zu führen. Es ist verboten, eine Kartei anzulegen"

Die Mütter von Sachsenhausen wissen zum großen Teil nicht, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. Offiziell sollen sie ärztlich untersucht werden, während ihre Mütter in den Baracken warten. Einige bekommen in letzter Minute mitgeteilt, dass ihre Kinder abtransportiert werden. Danach wird die Mutter-Kind Baracke aufgelöst, die Mütter werden in die Strafanstalt Hoheneck verlegt.

Am nächsten Morgen muss die Oberin Lebensmittelkarten besorgen. Die Kartenstelle jedoch lehnt es ab, für angebliche Kinder ohne Namen Karten auszugeben, da könne ja jeder kommen. Der Oberin gelingt es, vom Polizeipräsidenten Blechmarken mit Nummern zu erhalten, die den Kindern um den Hals gehängt werden und als Existenzbeweis dienen. Tag und Nacht weinen die Kinder und rufen nach ihren Müttern. Die Oberin nutzt einen Moment, in dein sie mit einem Polizeiarzt allein ist, und bittet noch einmal dringend um die Namen. Die Kinder könnten doch sterben, beschwört sie den Offizier, und kein Friedhofsvorsteher würde ihr eine Leiche ohne Namen abnehmen. Der Arzt hat Mitleid. Für eine Stunde verschwindet er aus dem Zimmer,

HEKTISCH SCHREIBT DIE OBERIN alle Namen ab. Sie erfährt, dass die Kinder aus Sachsenhausen kommen. Sie bekommt Bündel mit verwaschenen Kindersachen, darin versteckt Papierfetzen, beschrieben mit Mörtel - Briefe der Mütter über die Gewohnheiten der Kinder, flehende Bitten, sie gut zu behandeln, die der Oberin fast das Herz zerreißen. Auf manchen Zetteln stehen Adressen von Verwandten. Auch Ursula hat in Alexanders Sachen einen Brief versteckt: "Sascha hat nur in meinen Armen geschlafen. Seid gut zu ihm."

Ein paar Monate bleiben die Kinder in Leipzig. Die Schwestern retten sich von Woche zu Woche. Es gibt nicht genug Platz, zu wenig Essen und Kleidung. Und den Fragen von Spendern, wofür sie die Sachen denn bräuchten, können sie auch nicht immer nur ausweichen. Mit der Zeit wird die Mauer des Schweigens brüchig. Ein Lehrling im Krankenhaus erzählt zu Hause von den geheimnisvollen Kindern. Eine Oma aus Gera kommt in die Waldstraße und fordert ihren Enkel zurück. Auch die Versorgung wird schwieriger. Vielleicht ist es das Beste, die Kinder irgendwie loszuwerden. Man macht sich auf die Suche nach Angehörigen. Sascha ist unter denen, die von niemandem abgeholt werden. Mit fünf anderen steckt man ihn in ein Kinderheim in Naunhof. Von dort geht es nach Klinga, weiter nach Zschortau-Biesen und schließlich in ein Heim nach Seiffen im Erzgebirge. Er geht zur Schule, macht die übliche Erziehung zum sozialistischen Menschen mit, lernt die Namen der großen Führer auf den Bildern an den Wänden. Nur Junge Pioniere dürfen die "Kinder der Landesregierung" nicht werden.

Einmal wird er fotografiert vor einer Blümchentapete, mit einem Teddy, den er danach wieder abgeben muss. Er weiß nicht, dass das Foto für seine Mutter bestimmt ist. Und viele Jahre später wird er eine Frau kennen lernen, die genau das gleiche Foto von sich hat - die gleiche Tapete, den gleichen Teddy im Arm.

Ursula Hoffmann hat sich im Lager Sachsenhausen eine schwere Tbc geholt. Ihr Zustand verschlechtert sich. Im Juli 1955 wird ihre Strafe auf zehn Jahre reduziert. Am 31. März 1956 kommt sie frei. Wenige Tage nach ihrer Entlassung flieht Ursula Hoffmann nach West-Berlin. Sie meldet sich im Flüchtlingslager Marienfelde. Von dort aus setzt sie Himmel und Hölle in Bewegung, um ihren Sohn Sascha endlich zu sich zu holen. Das Foto mit dem Teddy im Arm hat sie bekommen. Mittlerweile ist er acht Jahre alt. Sie hat ihm Briefe geschickt und Spielsachen. Ob er sie bekommen hat, weiß sie nicht.

Sie schreibt Briefe an die Bundesregie­rung, ans Rote Kreuz, an DDR-Präsident Wilhelm Pieck - vergebens. Ein Verband für Ostflüchtlinge verweist sie schließlich an eine Gruppe in der Limastraße in West-Berlin. Juristen seien dabei, heißt es, vielleicht könne man hier etwas für sie tun. Für die Gruppe ist klar - Sascha muss entführt werden. Ein Mittelsmann soll den Jungen auf dem Schulweg in Seiffen abfangen und nach West-Berlin bringen. Als die Planung steht, verlangt die Gruppe von Ursula Saschas Geburtsurkunde. Doch eine solche Urkunde hat sie nie besessen, denn offiziell hat es die Kinder von Sachsenhausen nie gegeben. Der Plan wird fallen gelassen. Woher soll die Gruppe wissen, dass Ursula nicht lügt?

Wie Alexanders Mutter es am Ende doch geschafft hat, die DDR-Behörden zur Herausgabe ihres Kindes zu bewegen, ist nicht bekannt. Eines Tages, als Sascha acht ist, wird er außer der Reihe ins Bad bestellt. Er wird gewaschen und in einen neuen, viel zu großen Trainingsanzug gesteckt. Als er fragt, was los sei, sagt man ihm: "Morgen kommst du nach Hause."

Nach Hause. Nachts wälzt sich der kleine Junge im Bett. Was ist das bloß? Er kennt ja nur Lager und Heime. An seine Mutter erinnert er sich schemenhaft. Wo ist zu Hause?

Am nächsten Morgen bekommt er 25 Mark Ost. Sascha hat noch nie Geld in der Hand gehabt. Nun besitzt er 25 Mark. Er fühlt sich als reicher Mann, und seine Verwunderung ist grenzenlos. Dann bringt man ihn zum Bahnhof. Er wird einer Frau übergeben, die er nicht kennt. Gemeinsam fahren sie nach Berlin. Sascha lässt die Dinge geschehen. Er hat keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hat.

EINEN GANZEN TAG sind sie unterwegs. Spätabends erreichen sie Ost-Berlin. Saschas Begleiterin weiß nicht, wer ihn abholt. Sascha erst recht nicht. Der kleine Junge mit dem viel zu großen Trainingsanzug und seine Begleiterin bleiben auf dem Bahnsteig stehen, der sich allmählich leert. Irgendwann ist niemand mehr da. Nur eine alte Frau, die unmöglich Saschas Mutter sein kann. Aber dann geht sie auf ihn zu und fragt: "Bist du Sascha?"

Sascha nickt. Ursula hat "Tante Erna" angeheuert. Für 50 Mark West soll sie rüberfahren und ihren Jungen in Empfang nehmen. Wenn er denn kommt. Vielleicht, denkt Ursula, ist ja alles bloß eine Falle. Schließlich ist sie illegal in den Westteil gegangen.

Tante "Erna" bringt Sascha weiter. In den Westen, sagt sie. Sascha kann damit nichts anfangen. Er ist müde und ungeduldig. Er will jetzt endlich nach Hause, was auch immer das ist. In Friedenau verlassen sie die Bahn. Sie gehen zur Treppe. Unten stehen eine kleine Frau in einem braunen Ledermantel, ein Mann und ein schwarzer Hund. Als die Frau die beiden sieht, läuft sie nach oben. Nie wieder hat Sascha so schnell jemanden eine Treppe hochrasen sehen. Seine Mutter. Sie reißt ihn in die Arme, als wolle sie ihn nie wieder loslassen.

Der mit dem Hund ist Ursulas neuer Mann. Sascha geht hinunter. "Guten Abend", sagt der Manni, "ich bin jetzt dein Vater!" Sascha will nett sein. Er sagt: "Wenn ich groß bin, werde ich Volkspolizist." Das war im Heim immer gut angekommen.

Am nächsten Tag wird der Junge krank. Er kriegt Fieber, flüchtet sich ins Bett, zieht sich die Decke über den Kopf. Er will nicht mehr Sascha genannt werden, Sascha ist ein anderer. Sascha ist tot. "Ich heiße Alexander", sagt er. Seine Mutter redet er mit "Sie" an, auch wenn das Ursula verletzt. Alexander kennt es nicht anders. Er hat noch nie einen Erwachsenen geduzt.

DER KAMPF um ihren Sohn ist Ursulas letztes großes Aufbäumen in diesem Leben. Nach zehn Jahren Lager und Haft, nach Mangelernährung und seelischen Schikanen ist sie eine gebrochene, schwer kranke Frau. Als Ursula 1967 stirbt, ist der Sohn gerade 18 Jahre alt.

Alexander, der jetzt nach seinem Stiefvater Latotzky heißt, macht seinen Weg. Er studiert, wird Lehrer. Schon als Student lernt er seine Frau kennen. Sie wollen für immer zusammenbleiben. Zwei Kinder werden geboren, erst David, dann Nele. Alexander liebt russische Volksmusik. Manchmal, wenn er melancholisch ist, schließt er sich ein und hört seine Lieder, auch wenn er die Worte schon lange nicht mehr versteht. Die Familie weiß dann, dass er seine "russischen Tage" hat, und lässt ihn in Ruhe. Alexander braucht immer riesige Wohnungen, Enge hält er nicht aus.

Schon während des Studiums bewohnt er eine Fünfzimmerwohnung, die er sich billig organisiert hat. Und er hasst es, wenn andere von seinem Teller picken, auch wenn er sich immer wieder zu zwingen versucht, gegen diesen Reflex anzugehen. Aber ansonsten ist er glücklich. Sein Leben könnte so weitergehen. Dann kommt die Wende.

Jener Tag im Oktober. Die Tränen laufen ihm über die Wangen. Seine Familie weiß nicht, was los ist. Er versteht sich ja selbst nicht.

Doch Alexander weiß, dass er jetzt anfangen muss, mit dem Vergessen aufzuhören. Er beginnt zu forschen. Er vergräbt sich in Archiven. Er führt Tausende von Telefongesprächen. Er lässt seine Mutter in Moskau rehabilitieren. Die sowjetischen Behörden räumen ein: Sie war unschuldig. Alexander findet andere Kinder aus Sachsenhausen. Und er findet deren Mütter. "Mensch, Sascha" sagen sie, "wie schön, von dir zu hören." Alexander erstarrt. Jahrzehntelang hat niemand ihn mehr Sascha genannt. Er findet Mitgefangene seiner Mutter aus Torgau. Sie erzählen auch von seinem Vater. Wie er aussah. Dass sie alle Bescheid wussten. Eine sagt "Deine Mutter wurde zum Verhör geführt, und schwanger kam sie wieder." Alexander mag kaum hinhören. Ist er das Ergebnis einer Vergewaltigung?

SIEBEN JAHRE SPÄTER. Im Oktober 1997 bekommt er einen Anruf vom Roten Kreuz. Man habe da etwas gefunden. Alexander fährt hin. Man übergibt ihm Unterlagen über seinen Vater. Das Urteil. Wladimir Jakowlewitsch Brjutschkowski habe verbotenerweise eine Liebesbeziehung zu einer Gefangenen unterhalten. Er habe seinen Posten verlassen, ihr heimlich Essen und andere Vergünstigungen zukommen lassen. Alexander liest, aber er begreift nichts. Erst in der S-Bahn nach Hause wird ihm alles klar, und die Knie zittern. Auf einmal ist wieder alles ganz anders. Er ist nicht das Produkt eines Verbrechens. Seine Eltern haben sich geliebt.

Und der Vater wurde nicht zum Tode verurteilt, sondern zu sechs Jahren Gulag. Er lebt noch. Vielleicht. Was nun? Alexander starrt auf das Urteil. Es ist das Einzige, was er von seinem Vater besitzt. Soll er es dabei belassen? Was will er denn noch?

Dann schreibt er einen Brief an das Bürgermeisteramt nach Grischki, Kreis Kamenez-Podolski. Der Geburtsort seines Vaters. Vielleicht bekommt er ihn. Vielleicht kennt ihn dort jemand. Vielleicht ist er dort begraben. Vielleicht legt ihm dann jemand den Brief auf das Grab.

Eine Antwort kommt schneller als erwartet. Die Bürgermeisterin des Dorfes schreibt, der Gesuchte lebe nicht mehr in dem Dorf. Aber sie habe den Brief Wladimirs Schwestern übergeben, und diese würden ihn weiterleiten.

Etwa um die gleiche Zeit in einem Dorf nahe Kaliningrad: Wladimir Jakowlewitsch Brjutschkowski will sich zum Essen niedersetzen. Seine Frau ist im Krankenhaus, seine jüngste Tochter hat für ihn gekocht. Da kommt der Postbote und bringt einen Brief seiner Schwester aus der Ukraine, "Lies mal vor", bittet Wladimir seine Tochter, "Meine Brille ist nicht stark genug", denn er schämt sich immer noch, dass er nie richtig lesen gelernt hat.

"Die Schwester schreibt, du hast einen Sohn in Deutschland", liest die Tochter. Der Brief von Alex ist beigefügt. Er fragt seinen Vater, ob sie sich treffen können. Wladimir ist außer sich. Ein Sohn. Sein Sohn. Alexander. "Schreib sofort einen Brief", sagt er seiner Töchter. "Warum fragt er? Wir müssen uns sehen."

Dann beginnt das Warten. Wladimir ist nervös. Hat sein Sohn es sich anders überlegt? Hat er nicht die richtigen Worte gefunden? Er besucht seine Frau im Krankenhaus. Sie weiß von seinen Jahren in Deutschland fast nichts. "Wenn du nach Hause kommst, wartet eine Überraschung auf dich", erzählt Wladimir seiner Frau. Im Krankenhaus sagt er ihr nichts. Er will nicht, dass sie einen Herzschlag bekommt.

Als sie wieder nach Hause darf, zeigt er ihr den Brief. Seit fast vierzig Jahren sind sie nun verheiratet. Sie sagt nichts. Gar nichts. Abends legen sie sich nebeneinander zur Ruhe. Plötzlich fragt sie: "Hast du mit ihr geschlafen oder nicht?" Wladimir muss lachen. Was für eine absurde Frage. "Was hast du gedacht?", fragt er sie. "Wie könnte ich sonst einen Sohn haben? Dafür habe ich gesessen." Dann nimmt er sie in den Arm.

Herbst 2000. Wladimir Jakowlewitsch Brjutschkowski ist mit dem Bus auf dem Weg nach Berlin. Gegen 22 Uhr passiert er die deutsche Grenze, jene Grenze, die er zuletzt als Gefangener im April 1948 überschritt und dann nie wieder - bis zu diesem Tag. Er hätte sich das alles nie träumen lassen.

IN BERLIN geht Alexander am leeren Zentralen Omnibusbahnhof hin und her. Was wird er ihm sagen? Wie soll er ihn nennen? Um 23 Uhr soll der Bus eintreffen. Es wird Mitternacht, es wird zwei, es wird vier Uhr. Niemand. Was ist passiert?

Wladimir aber ist längst in Berlin. Am Bahnhof Zoo. Kleines Missverständnis. Er wartet auf seinen Sohn. Fragen kann er niemanden. Er hat nur ein paar deutsche Worte behalten. "Peitsche", "Ausweis", "Schneller". Und den Text von "Rosamunde". Er wartet ein paar Stunden. Will Alexander ihn doch nicht sehen? Er läuft durch die Nacht. Ganz schön verändert hat sich hier alles. Niemand kommt.

Als die Sonne aufgeht, fährt Alexander enttäuscht nach Hause. Kurz darauf trifft sein Vater ein. Er hat sich ein Taxi genommen. Dann schnauft er die Treppe in den vierten Stock hinauf. Ein 75-jähriger, weißhaariger älter Mann mit funkelnden blauen Augen in einem viel zu großen Anzug. Dem einzigen, der er besitzt.

Alexander öffnet die Tür. Da stehen sie, Vater und Sohn. Sie sehen sich tatsächlich ähnlich.


Nachtrag:

Das war bei seinem Besuch in Berlin. Unser erstes Treffen fand jedoch schon im Herbst 1999 statt, als ich ihn in seinem Heimatdorf in Russland besuchte, zusammen mit meiner Frau.

Auf die Frage eines Journalisten, was er sich nach all dem Erlebten jetzt noch vom Leben wünscht, antwortete mein Vater einmal, dass er gerne 103 Jahre alt werden möchte, ein Jahr älter als seine Mutter, nur um allen Menschen von dieser Geschichte zu erzählen. Von dem, was Menschen anderen Menschen antun und wie sich trotzdem manchmal das Schicksal wieder zum Guten wendet.

 

Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, er starb am Morgen des 25. Dezember 2004 im Alter von 79 Jahren. Ein Historiker, der ihn kennen gelernt hatte, beschrieb ihn später als eine sympathische, warmherzige Persönlichkeit, in deren Lebensgeschichte sich die Geschichte der Staatsverbrechen des 20. Jahrhunderts in besonders drastischer Form bündelte. Das trifft ganz sicher zu, leider aber auch auf Millionen anderer Menschen mit ihm.

 

Und noch ein Nachtrag:

2003 erhielt ich von der BStU Dokumente, die mir endlich die Frage beantworteten, warum ich erst 1957 zu meiner Mutter nach West-Berlin durfte.

1954 kam ich für einige Zeit aus dem Heim zu einer Familie, die mich Aufnehmen wollte. Es war für mich das erst Mal, das ich nicht in einem Lager, Gefängnis oder Heim war. Meine Mutter wurde darüber informiert, man nannte ihr sogar Namen und Adresse der Familie und war daraufhin völlig verzweifelt. Um mich nicht zu verlieren sah sie für sich nur noch einen Ausweg und erklärte sich bereit, für das Ministerium für Staatssicherheit zu arbeiten! Sie unterschrieb eine Verpflichtungserklärung und ich kam prompt wieder zurück in ein Kinderheim.

Kurz vor ihrer Entlassung im März 1956 bekam meine Mutter, die als Dolmetscherin Russisch sprach, dann den Auftrag, nach der Entlassung nach West-Berlin zu gehen um die russischen Exilorganisationen und die orthodoxe Kirche auszuspionieren. Doch schrieb Leutnant Süß vom MfS in seinem Bericht, „Ohne dem Vorhandensein bestimmter Faustpfänder, könne man nicht von einem tatsächlichen Vertrauen zu ihr sprechen“. Die von ihm vorgeschlagene Lösung des Problems war einfach: während man meine Mutter in den Westen schickte, musste ich als Geisel in der DDR zurück bleiben. Es fand ein Gespräch mit der Leiterin meines Kinderheimes statt, bei dem sie die Anweisung erhielt, mich an niemanden ohne Rücksprache und Zustimmung des MfS abzugeben. Heimlich, jedoch erfolglos, versuchte meine Mutter immer wieder von West-Berlin aus, mich aus der DDR zu holen. So wandte sie auch an den Bund freiheitlicher Juristen in der Limastraße, dessen Mitglieder mich den Dokumenten zufolge entführen wollte. Letztlich war jedoch alles vergeblich.

Erst im Januar 1957 waren KGB und MfS dann wohl von ihrer guten Arbeit überzeugt und im Alter von neun Jahren durfte ich nun doch endlich zu ihr. Das war allerdings ein Fehler und kurz darauf brach man auch die Verbindung zu ihr ab. Wie Oberst Trubnikow vom KGB schrieb, waren alle ihre Berichte erfunden und es konnte durch sie nichts Konkretes in Erfahrung gebracht werden.

 

 
 
     

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